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Die Jugend feiern, das Alter zelebrieren,
Wünsche erfüllen!

Wer hatte auch niemals eine Karottenhose und ein (Popper-)Poloshirt?

Obwohl die in meiner Jugend in den 80ern bei vielen angesagt waren? Dass ich keine hatte, lag aber nicht daran, dass ich Punk war, sondern...

...dass ich einfach ein Normalo war. Nicht mutig genug für die Punk- oder Rock-Rebellion, nicht entspannt genug für einen frühen Friedensbewegten. Um Popper mit Marken-Karottenjeans zu werden, war ich aber auch nicht cool genug (und hatte nicht ausreichend Taschengeld). Und das, obwohl wir Landeier nur exakt 23,8 Kilometer nördlich von einer Popper-Hochburg der 1980er Jahre aufgewachsen sind: Hamburg-Pöseldorf. Das von Villen geprägte Quartier zwischen Außenalster und Rothenbaum war damals ein In-Viertel mit legendären Tanzschuppen wie der "Bhagwan-Disco".

Im heute ruhigen Pöseldorf ("Schnöseldorf") tobte am Wochenende das Leben, nicht nur in den Karottenhosen der Popper

Es gab teure Bars, urige Pinten wie die "Gurke" und auch eine Promi- und Rockkneipe (das echte "Zwick", das heute auch eine Dependance an der Reeperbahn hat, ist in Pöseldorf). Der Regisseur und Schauspieler Detlev Buck hat den Gegensatz zwischen Landleben und noblem (Hamburger) Ambiente und exklusivem Nightlife übrigens in seinem filmischen Erstlingswerk genial dargestellt. Buck war damals noch Auszubildender zum Landwirt im heimischen Nienwohld bei Bargteheide, etwa 40 Kilometer nördlich der Hamburger City. 1984 drehte er "Erst die Arbeit und dann?" und spielte sich, obwohl mit einem anderen Filmnamen, auch ein bisschen selbst: Ein Holsteiner Bauer fährt in die fiktive Hamburger Edelbar "Cadillac" und lernt eine Szenedame kennen. Bucks Debutfilm thematisiert zwar nicht die Popperszene im engeren Sinne. Er setzt aber die urbane, konsumorientierte und hedonistische Welt der Achtziger gekonnt in Szene. Im Kontrast zum arbeitsreichen Alltag und soliden Auftreten des Landwirts wird das besonders deutlich.

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Heute ist alles nachzulesen über die 80er und die Popper in ihren Karottenhosen, aber damals hatte ich keinen Schimmer

So kam es, dass meine Kumpels und ich irgendwo dazwischen waren, und es dauerte, bis wir unsere "Peer Group" gefunden hatten. Das fing schon mit dem Zweirad an! Auch irgendwie nicht Fisch, nicht Fleisch. Die harten Jungs fuhren Zündapp, Kreidler oder Hercules, später Leichtkrafträder von Yamaha, KTM oder Honda. Die schicken Popper düsten in Daunenjacke, Polohemd, Kaschmirpullover, Karottenjeans und mit Jethelm auf ihrer Vespa Ciao, Mobylette oder später auf dem Roller zum Gymnasium. Das war offenbar nicht nur in den wohlhabenden bürgerlichen Vierteln von Hamburg, München, Berlin, Düsseldorf, Essen, Stuttgart und vielen anderen Großstädten so, sondern auch vielerorts auf dem Lande. Und ich? Ich fuhr ein Motobecane Moped, in Deutschland zum 25 km/h-Mofa heruntergedrosselt. Die fand ich toll, schließlich sah mit ihrem aufgesetzten Tank fast so motorradmäßig aus wie die Zündapp CS25. Es war aber eben keine, was mir bei jedem Jugendtreff von cooleren Jungs auch dezent vermittelt wurde. Heute würde ich meinen Kram als Individualismus feiern. Damals war ich nicht immer glücklich damit, ein wenig außen vor zu sein...


Bei der Mode ging das "In-Between"-Sein weiter

Keine Fahrradkette um den Hals wie die Dorfpunks, keine Lederjacke wie die Rocker, keine Jesuslatschen wie manche engagierten Mitschüler... und natürlich auch keine Popper-Insignien. Statt Lacoste Polohemd und Karottenjeans von Fiorucci, Edwin oder anderen, bei Poppern hoch im Kurs stehenden Marken, musste ich zunächst noch Cordhosen auftragen. Die hatte meine liebe Mutter mal bei Neckermann bestellt. Sind doch noch gut. Später durfte ich wenigstens normal geschnittene Wrangler-Jeans oder Levi's 501 tragen und mir einmal Slipper-Schuhe von Belmondo kaufen. So wurde ich für einige Zeit zum Möchtegern-Popper, sogar mit karierten Socken, echt von Burlington. Die poppertypische, gescheitelte Haarwelle vor der Stirn ist mir aber nie gelungen, trotz massenhaften Einsatzes des ebenfalls nicht so richtig coolen Tabac Haargels. Und die pastellfarbenen Karottenhosen von Vanilia, die vor allem viele (Popper-)Mädels in den 1980ern begeistert trugen, kannten wir damals überhaupt nicht.

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Einen Vorteil hatte das modische und cliquenmäßige Hin und Her der Jugendjahre allerdings

Ich und auch andere Normalos wurden von Mitschülern und Dorffreunden zu verschiedenen Partys eingeladen. Vom Anti-Volkszählungs-Happening der alternativen Bewegung über das von Rock oder später von der NDW geprägte Dorffest bis zur Möchtegern-Popper-Cocktailparty. Zwar gehörten wir nirgendwo so hundertprozentig dazu, aber irgendwie spannend und manchmal lustig war es trotzdem. Deshalb habe ich in der Rückschau meinen Frieden damit gemacht, dass ich weder Lacoste Polohemd noch Karottenjeans hatte und deshalb auch kein richtiger Popper war. Außerdem ist die konsumorientierte, leicht arrogante Haltung "irgendwie 80er". Das ist heute eher nicht angesagt...

Veröffentlicht am 14. März 2021 von geb.1960-69.de

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